Die Wasserleitungsgenossenschaft Görzhain
(von Karl-Heinz Boß)
Von alten Quellen und Brunnen
Ein Grund für die Siedlung unserer Vorfahren im Hochtal am Oberlauf der Grenff dürfte die „Quelligkeit“ des Bodens gewesen sein, wie sich ein früherer Geschichtsschreiber ausdrückte.
In der Erhebung des Landratsamtes von 1858 über das Dorf Görzhain wird die Frage unter IV 13) „Quillt das Trinkwasser am Orte oder wird es in Röhren herbeigeführt und wie weit?" mit dem Satz beantwortet: „Es quillt fast jedem Bauer in der Küche."
Auch die älteren Görzhainer bestätigten als Zeitzeugen noch Anfang des 21. Jahrhunderts, dass früher fast jeder Hof seinen eigenen Brunnen hatte, aus dem er das Wasser schöpfen konnte. Die Qualität war jedoch nicht überall gleich.
So berichtete z. B. Wilhelm Dietz (*1913 - +2006, Vater von Doris Schwarz geb. Dietz), dass sich viele Dorfbewohner aus dem vor Maurers Schmiede (in der Herzbergstraße) stehenden Brunnen Wasser holten, weil es hieraus so gut schmeckte. Hingegen soll das Wasser aus dem
sogenannten Dorfbrunnen im Oberdorf nicht so bekömmlich gewesen sein.
Gestiegene Qualitätsansprüche
Die Ansprüche stiegen mit der Zeit, und auch die Behörden betrachteten die Qualität des der Bevölkerung zur Verfügung stehenden Trinkwassers. Im Jahre 1900 wurde durch eine Verfügung des königlichen Kreisarztes Herrn Dr. Stölzing das Wasser des Schulbrunnens als für Trinkwasser nicht geeignet erklärt.
Daraufhin untersuchte man im Tal der Weißenborn am Osthang des Hilsbergs - noch in der Görzhainer Gemarkung gelegen - eine vorhandene Quelle auf Tauglichkeit und befand sie zunächst für gut.
Jedoch konnte dieses Vorhaben wegen des geplanten Baus der Eisenbahnstrecke Treysa - Bad Hersfeld nicht realisiert werden, da die Trasse zu nahe an der Quelle vorbeiführen sollte.
Holpriger Start in eine neue Zeit
Die damalige Gemeindevertretung lehnte jedoch den Bau der Wasserleitung durch die Gemeinde ab. Nach langen Verhandlungen und vielen dörflichen Streitigkeiten wurde eine private Wasserleitungs-genossenschaft gegründet.
Erster Vorstand war Konrad Schmidt. Er war 1868 in Hatterode geboren und hatte 1892 die Katharina Elisabeth Ritter in Görzhain
geheiratet.
Am 11. Januar 1908 wurde ein Kaufvertrag „I. Zwischen dem Landwirt und Schreiner Johs. Kern von Weißenborn und II. dem Vorstand der Wasserleitungsgenossenschaft Konrad Schmidt, Bürgermeister Kern und Genossen Görzhain“ verabredet und abgeschlossen.
Kern verkaufte „seine Quelle bzw. seinen Brunnen gelegen in der
Rimbach Fl. Gemarkung Görzhain zur Anlegung einer Wasserleitung für die sich gebildete Genossenschaft zu Görzhain für den verabredeten Kaufpreis von 210 Mark in Worten zweihundertundzehn Mark“ unter der Bedingung: „Verkäufer verpflichtet sich, den Hauptstrang sowie die Anlegung der Brunnenkammer und Einpassung des Brunnens ungehindert und ohne extra Vergütung geschehen zu lassen. Die Ausführung etwa vorkommender Reparaturen ungehindert ausführen zu lassen, der hierbei vorkommende Schaden wird von Seiten der Genossenschaft vergütet.“
Der Bau der Wasserleitung
So konnte der Bau einer Genossenschaftswasserleitung von Spenglermeister Jakob Sohl aus Oberaula durchgeführt werden.
Da sich zunächst nur wenige Mitglieder beteiligten, wählte man für die Leitung von der Quelle in der Rimbach ca. 1.100 m vom Dorf entfernt zum Hochbehälter Zuflussrohre mit einem Durchmesser von nur 2,5 Zoll (= 6,35 cm).
Lehrer Geißel schrieb in der Schulchronik: „Im Frühjahr 1908 wurde die Wasserleitung eröffnet. Trotz des Streubens im Anfang wurde sie bald beliebt, und die Gegner söhnen sich nach und nach mit dieser neuen Einrichtung aus und lassen sich an das Leitungsnetz anschließen."
1909 zählte die Wasserleitungsgenossenschaft 28 Mitglieder.
Bei starkem Wasserverbrauch bzw. in trockenen Zeiten machte sich damals schon Mangel bei der Wasserverfügbarkeit bemerkbar, da die besagten Rohre mit dem geringen Durchmesser nicht die erforderliche Menge Wasser zum Hochbehälter führen konnten.
Gestiegener Wasserbedarf
Die Fassung der Quelle in der Reibach wurde 1927 erneuert. Die kleinen Wasserleitungsrohre von der Quelle zum Hochbehälter wurden durch die Firma Krüger, Neukirchen, ersetzt. Es wurden 8 Zoll (= 20,3 cm) starke gusseiserne Rohre verwendet. Diese Verbesserung kostete 11.074 Reichsmark. Zur gleichen Zeit wurden im Dorf auch 5 Hydranten zu Feuerlöschzwecken eingebaut.
Da die vorhandene Quelle in der Reibach den weiter steigenden Wasserbedarf nicht mehr allein decken konnte, wurde im Herbst 1954 der nicht weit entfernte Herrnborn als „neue Quelle" eingefasst und durch eine 240-m lange Leitung an die bestehenden Zuflussrohre von der „alten Quelle" zum Hochbehälter angeschlossen.
Die Kosten betrugen rund 12.000 DM. Gleichzeitig wurden auch an der Straße nach Weißenborn zu größere Rohre verlegt und die Häuser, die bis jetzt noch ohne Anschluss gewesen waren,
angeschlossen.
Schutz- und Sicherungsmaßnahmen
Aufgrund eines Antrages der Wasserleitungsgenossenschaft und der darauffolgenden Anordnung des Regierungspräsidenten in Kassel vom 24. August 1970 wurde im Herbst ein Wasserschutzgebiet um die beiden erschlossenen Quellen ausgewiesen. Dabei wurde der Weg, der früher unmittelbar an dem jetzigen Standort vorbeiführte, verlegt und eine Umzäunung des Fassungsbereiches der neuen Quelle „Herrnborn" vorgenommen. In diesem Zusammenhang wurde die Schüttung der alten Quelle mit 17 - 20 cbm, die der neuen Quelle mit rund 70 cbm täglich angegeben, der maximale Tagesbedarf lag damals bei rund 50 cbm.
Im Vertrag vom 10. Februar 1972 zwischen der noch selbständigen politischen Gemeinde Görzhain und der Wasserleitungsgenos-
senschaft Görzhain verpflichtete sich die Gemeinde unwiderruflich, sämtlichen Mitgliedern der nicht eingetragenen Wasserleitungsgenossenschaft Görzhain die Nutzung der Grundstücke mit den Quellfassungen und dem Hochbehälter zum Zwecke der Wasserversorgung wie seit Jahren auch weiterhin auf unbegrenzte Zeit ohne Entschädigung zu gestatten. Diese Gestattung erfolgte auf Grund eines Beschlusses der Gemeindevertretung von Görzhain vom 31.1.1972.
Die Wasserleitungsgenossenschaft verpflichtete sich, die Wasserversorgung für die Schule, den Friedhof und für Zwecke des Feuerlöschwesens, die sie bisher unentgeltlich zur Verfügung gestellt hatte, hierfür auch weiterhin zu gewährleisten. In den am 15. Mai 1972 entnommenen Wasserproben der alten Quelle wurden eine erhöhte Keimzahl sowie Kolibakterien festgestellt. Daraufhin wurde im Juli/August die Abtrennung der Quelle in der Reibach von der Wasserversorgungsanlage vorgenommen. Aufgrund akuten Wassermangels wurde im Herbst 1988 nach Untersuchung und Rücksprache mit dem Kreisgesundheitsamt die alte Quelle in der Reibach wieder in Betrieb genommen und das Wasser hieraus in das Ortsnetz eingespeist.
Dabei wurden auch erforderliche Reparaturmaßnahmen am Quellsammelschacht vorgenommen. 1996 wurde der Genossenschaft auf die Dauer von 20 weiteren Jahren die Erlaubnis erteilt, Grundwasser der Quelle „Herrnborn" zu
entnehmen.
Erweiterung der Speicherreseve
Da die Speicherkapazität des alten Wasserbassins mit 35 cbm in Spitzenzeiten nicht mehr ausreichend und auch neue gesundheits-
technische Maßnahmen erforderlich waren, baute man 1999 ca. 200 m. südlich vor dem „Gemeindewald“ eine neue Hochbehälteranlage (Fassungsvermögen: zweimal 50 cbm) mit Ultraviolett-Desinfektionsanlage.
Im November desselben Jahres nahm man den neuen Bau in
Betrieb. Die Wasserzufuhr erfolgt vom alten Hochbehälter aus durch eine automatisierte Pumpstation. Durch die erhöhte Lage des neuen Hochbehälters stieg der Wasserdruck in den Haushalten merklich an. Dafür waren besonders die Bewohner der höher gelegenen Wohnhäuser dankbar.
Die Kosten der Maßnahme waren zunächst mit 450.000,00 DM veranschlagt worden. Durch die hohe Eigenleistung kam man mit rd. 300.000,00 DM aus.
Etwa ein Jahr nach dem Anschluss des neuen Trinkwasser-Hochbehälters an das Netz waren die Görzhainer zu einem „Tag der offenen Tür" zu dem neuen Bauwerk vorm „Gemeindewald“
eingeladen. Am 09.09.2000 begrüßte der Vorstand viele interessierte Mitbürger, beantwortete Fragen und erlaubte eine
Besichtigung der aus Hygiene- und Sicherheitsgründen sonst verschlossenen Anlage.
Die Entkeimung des Quellwassers erfolgt durch eine UV-Desinfektionsanlage, welche bei der Errichtung des Hochbehälters mit eingebaut worden war.
2004 baute man zusätzlich eine Entsäuerungsanlage ein.
Die Kosten betrugen ca. 21.000 €.
2007 erfolgte unter der technischen Federführung von Schmiedemeister und Vorstandsmitglied Kurt Blumenauer die Neuverlegung der Wasserleitung von der Herrnbornquelle am Waldrand in der Rimbach
zum alten Hochbehälter über die Strecke von etwa 1.100 m. Beteiligte Unternehmen waren die Firmen Stefan Knoch, Weißenborn und
Tiefbau Bätz, Asterode. Durch die hohe Eigenleistung lagen die Kosten bei nur ca. 36.000 €.
Erweiterung der Quellreserve
Um anhaltenden Trockenperioden entgegenzuwirken, wurde auf Betreiben des Regierungspräsidiums in Kassel 2020 eine dritte
Quelle unter dem Namen „Heybach I“ erschlossen und gefasst. Bei Wassernotstand stellt sie eine weitere Reserve für das Ortsnetz dar.
Sie ist konstant ergiebig und liegt „Im Grund“ links der Grenff. Der Anschluss an das Ortsnetz erfolgte über einen Pumpenschacht nahe der Kläranlage rechts der Grenff. Auch sie ist mit einer UV-Desinfektionsanlage ausgestattet. Die Kosten der Baumaßnahme lagen bei rd. 13.200 €.
Erstellt:
Görzhain, 8. Mai 2025
Karl-Heinz Boß